Ilse Jäger Juni 2014

zum Ernst-Jünger-Artikel "Er tat noch drei Schritte", BLIX Mai 2014


Sehr geehrter Herr Dr. Reck,
‚Nur wenige sind es wert, dass man ihnen widerspricht' – dieser Jünger'schen Meinung kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Da Sie es aber wert sind,

widerspreche ich zumindest dem Fazit und der Schlussbegründung Ihres Artikels ‚Er tat noch drei Schritte'.
Als Mutter dreier Kinder bin ich generell der Meinung, dass man einem Tagebucheintrag, wie immer er auch lautet, beim Tode eines Sohnes kein gültiges Gewicht beimessen kann. In solch einem schrecklichen Extremfall, in solch einer Ausnahmesituation reagiert jeder anders und nicht normal. Dass man seinen Sohn zum Helden hochstilisieren möchte, wäre auch verständlich, denn um zu ‚überleben', muss man in diesem Tod doch einen Sinn sehen können. Aber Jünger hat dies noch nicht einmal so gemeint. Er hat zeitlebens wegen des Todes seines Erstgeborenen ein schlechtes Gewissen gehabt, weil man am Familientisch politische Gespräche geführt hat, die seinen Sohn veranlassten, sein Mundwerk dahingehend bei den Vorgesetzten ‚spazieren zu führen'. Daraufhin sollte er eingesperrt werden, was seine Mutter durch einen Bittgang bei den Nazis verhindern konnte. Stattdessen hat man ihn als Soldat nach Italien geschickt, wo er durch die Kugel eines Partisanen ums Leben kam. Das hat übrigens der angeblich so gefühlskalte Jünger nie verwunden.
Was mir Ernst Jünger zum Vorbild macht, ist die Tatsache, dass er
1. eine Scheidung immer als Fahnenflucht ansah – und auch danach lebte (in den Tagebüchern nachzulesen), selbst wenn er im Krieg das eine oder andere amouröse Abenteuer pflegte. Unsere heutigen ‚Herrschaften' machen das ohne Extremsituation!
2. in körperlicher und geistiger Frische und Würde 103 Jahre alt wurde – trotz eines von der Bevölkerung immer als Hungerleider geschmähten Berufes als Schriftsteller. Den verzehrenden täglichen ‚Ringkampf mit den Gedanken', welches selbiger beinhaltet, muss ich einem Journalisten wohl nicht erklären.
3. dass seine Bücher mir Mut machen wegen der dort explizit geäußerten Seinsgewissheit, weswegen er auch keine Angst vor dem Tod hatte. Jünger war von der Fortexistenz nach dem Tode zutiefst überzeugt. (...) Diese Seinsgewissheit hat in den Grabenkämpfen des ersten Weltkriegs seinen Ursprung. Sie ist angelegt in seinem Lieblingsbuch ‚Das abenteuerliche Herz'. Sie greift weiter in den ‚Strahlungen' und sie ist bestätigt im Alterswerk ‚Die Schere'. Im ‚Brief an den Mann im Mond' äußert er die Wahrnehmung, dass seine physische Existenz einem metaphysischen zweiten Ich entspreche. Genau diese Seinsgewissheit ist es, die ich persönlich an seiner Lektüre so schätze.
Dass er die Demokratie nicht besonders schätzte, lag wohl auch am Zeitgeist – in dem er sozialisiert wurde. Der große Schulreformer Georg Kerschensteiner (1854-1932) schrieb damals: ‚Aber demokratische Verfassungen der Staaten werden zur Pöbelherrschaft führen, wenn nicht die Seelenverfassung der Mehrzahl ihrer Bürger eine aristokratische ist. Sorgen wir durch eine gründliche staatsbürgerliche Erziehung dafür, dass diese aristokratische Verfassung der Seele zunimmt.' Heute kann sich jeder selbst fragen: ‚Haben wir das geschafft?'
Herzliche Grüße,

Ilse Jäger, Riedlingen