Josef Bopp März 2012

Lesermeinung zur Ausgabe Januar / Februar 2012


Exponentielles Wachstum der Geldvermögen verursacht Euro - und Staatskrisen
In einer Ecke eines Teiches beginnen Seerosen so zu wachsen,

dass sich ihre Menge täglich verdoppelt. Zunächst fällt die bedeckte Fläche nicht so auf – nach 27 Tagen ist erst ein Achtel der Seefläche bedeckt. Frage: Wie viele Tage dauert es bis der ganze See bedeckt ist?
Antwort: Nur 3 Tage. Am 28. Tag ist ein Viertel bedeckt, am 29. Tag die Hälfte und am 30. Tag ist der See vollständig zugewachsen.
Ein Spaziergänger der jeden Tag an diesem See vorbeigeht, empfindet erst die letzten Tage, dass das Seerosenwachstum rasend vorangeht. Vorher ist es gefühlsmäßig langsamer obwohl es immer die gleiche Wachstumsrate hat.
Wenn Roland Reck nun in seinem Leitartikel empfindet, dass sich das Leben insgesamt beschleunigt, dann hat das nur bedingt mit „unserem Hochgelobten wissenschaftlich-technischen Fortschritt" zu tun oder mit dem fortgeschrittenen Lebensalter.
Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das sehr stark vom Geld bestimmt wird und dieses System wächst exponentiell – siehe Seerosenbeispiel oben.
Unser Geldsystem saugt nämlich, exponentiell wachsend, immer mehr Geld zu den wenigen Superreichen und in die Finanzmärkte und die Realwirtschaft kämpft mit Rabatten um den übrig bleibenden, sinkenden Einkommensanteil aus der Wirtschaft. Trotz insgesamt rasant steigender Vermögen muß der einzelne immer länger und effizienter arbeiten um über die Runden zu kommen(ein Einkommen in der Familie reicht in der Regel nicht mehr)
Und das System beschleunigt sich exponentiell.
Das Bruttoinlandsprodukt der BRD hat sich die letzten 50 Jahre verachtfacht (x8) - die Geldvermögen und die Schulden haben sich vervierunddreißigfacht (x34).
Wer nun glaubt durch Sparen und Schuldentilgung wieder Handlungsfähig zu werden und über Bildung und Leistungssteigerung die Probleme zu lösen der hat die Ursachen der Krise noch nicht verstanden.
Die klassische Ökonomie lehrt, dass das Angebot seine eigene Nachfrage schafft – womit sie meint, dass die gesamten Erzeugungskosten unmittelbar oder mittelbar wieder ausgegeben werden müssen, um diese Erzeugnisse zu kaufen. Wenn nun der überwiegende Teil unseres Geldes in die Finanzmärkte wandert und sich hier spekulativ vermehrt ohne reale Werte zu schaffen, dann fehlt Kaufkraft auf der einen Seite und es entstehen gigantische Finanzblasen auf der anderen Seite.
Einer der größten Ökonomen - John Maynard Keynes sagte:"...von den Leitsätzen orthodoxer Finanz ist sicherlich keiner antisozialer als der Fetisch Liquidität.......die Geldmittel auf den Besitz liquider Wertpapiere zu konzentrieren "
Das gesamte an den Finanzmärkten bewegte Geld stellt Liquiditätshaltung im Sinne Keynes – d.h. Geldhortung – dar und fehlt deshalb im Wirtschaftskreislauf.
Seit 1967, als die Nettoinvestitionen auf null sanken, versucht der Staat nun durch Kreditaufnahme hier gegenzusteuern. Dazu das Mitglied Sachverständigenrats Rüdiger Pohl: „ Wohlgemerkt: Staatliche Kreditaufnahme ist kein Selbstzweck. Aber wenn - wie heute in der Bundesrepublik – das Kapitalangebot aus privaten Ersparnissen steigt, gleichzeitig die Kapitalnachfrage (der Unternehmen)gering bleibt, dann muß der Staat das am Markt entstehende Überangebot aufnehmen, weil andernfalls eine deflationäre Wirtschaftsentwicklung eintreten würde"
Dieses – Deficit spending – ermöglicht dann wieder realwirtschaftliche Profite, die aber fataler weise neben Investitionen auch für Wertpapierkäufe verwendet werden können und so die Spekulationsblase zusätzlich vergrößern.
Wenn nun die ganze Riege der Finanzexperten (auch in Blix) im Staatsschuldenabbau die Lösung sieht, dann muß sie auch erklären, wie das viele Geld wieder in die Realwirtschaft kommt. - Schulden sind auf der anderen Seite immer Guthaben und entweder müssen nun neue Schuldner gefunden werden oder es müssen gleichzeitig mit dem Schuldenabbau auch Guthaben vernichtet werden. Oder diese Guthaben müssen in die Realwirtschaft gezwungen werden um Kaufkraft und damit Wirtschaftswachstum zu generieren.
Ein Wirtschaftswachstum analog zum Geldmengenwachstum ist aber auf Dauer auch eine Traumlösung denn:
3,5% Wachstum bedeuten eine Verdoppelung unserer Leistung alle 20 Jahre = 32-fache Leistung in 100 Jahren (5x Verdoppelung)
5% Wachstum = Verdoppelung alle 14 Jahre = 128-fache Leistung in 100 Jahren
Exponentielle Größen sind für den Menschen kaum vorstellbar. Sie beginnen so unscheinbar und explodieren dann wie eine Atombombe.
Die Lösungen der Vergangenheit bieten für eine aufgeklärte, globale Gesellschaft, in der sich schwächere Länder nicht auf Dauer für dumm verkaufen lassen, sicher keine Perspektive. Mit dem Finger auf Griechenland zu zeigen lenkt nur ab von der Tatsache, dass auch Deutschland seine Schulden nie und nimmer mit Leistung und Gürtel enger schnallen zurückzahlt. Schon seit 30 Jahren leihen wir uns sogar das Geld für die Zinsen und leisteten noch nie einen Cent Nettotilgung.
Wer es als intelligenter Junge vom Bauernbuben zum Sparkassenpräsidenten gebracht hat, glaubt eben all zu leicht dass es immer an einer persönlichen Leistung liegt und nie die Umstände und Systeme hinterfragt werden müssen.
Wenn zwischenzeitlich über 8 Millionen in Deutschland einen ganzen Monat hart arbeitend weniger als 1.000,- € mit nach Hause bekommen und jeden Pfennig öffentlicher Mittel rechtfertigen müssen, während Gläubiger griechischer Staatsanleihen, EU-weit garantierte Renditen von um die 25% einstreichen(Neue Züricher Zeitung 14.Juni 2011) und dann auch noch mit 500.000.000.000 € großen Rettungsschirmen geschützt werden, dann stimmt doch etwas nicht mehr im Lande. Dann „überwiegt der Nutzen" wie unsere Europaabgeordnete sagt eben nur für die Zocker die für ihr Versagen weiter Millionenboni kassieren.
Der Euro ist ein Erfolgsmodell – schützen wir Ihn vor den Finanzjongleueren die nichts entwickeln oder produzieren was irgendjemandem das Leben erleichtert.
Im Gegenteil – sie vernichten Arbeitsplätze, Ersparnisse, Altersversorgungen, Ausbildungshoffnungen und Lebenschancen.

Josef Bopp