Gerhard Wagner JanFeb 2012

Leserbrief zu „Was weiß ich vom Christkind?", 12/11, S.12


Was da in der Dezember-Ausgabe über Christi Geburt geäußert wurde, kann nur der unbedarfte Leser schlucken.

Wie so oft wurden der Bibel wieder einmal Ungereimtheiten untergeschoben. Mindestens zehn Planetarien in Deutschland und den USA bemühten sich 1980 darum, genauere Angaben zur Geburt Christi zu ermitteln. United Press International schrieb dazu: „Herodes starb in Wirklichkeit im Jahre 1 v.Chr. und nicht 4 v.Chr. wie allgemein angenommen wird." Des Weiteren hieß es, dass „Forschungen ergeben haben, Jesus sei im Sommer oder Frühherbst des Jahres 3 v.Chr. oder 2 v.Chr. geboren worden". Das ermittelte Jahr des Amtsantritts des Statthalters Quirinius steht keineswegs im Widerspruch zu 3 oder 2 v.Chr.; denn es gibt berechtigte Schlussfolgerungen, dass der Amtsantritt des Statthalters Quirinius 6 n.Chr. sein zweiter Amtsantritt war. Schließlich führte die von Augustus verordnete Volkszählung dazu, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde (Luk. 2, 1-4). Da dieser Aufenthalt nur vorübergehend war, ist es eher logisch, dass er dort aufwuchs, wo die Familie ihren Wohnsitz hatte, nämlich in Nazareth. Allerdings waren beide Umstände vorausgesagt worden (Micha 5, 1; Matthäus 4, 13-16; Jesaja 9, 1-2). Lukas ist als exzellenter Historiker bekannt und verstand etwas von genauer Datierung, wie jedermann in Lukas 3, 1-2 nachlesen kann. Die Bibel ist kein Märchenbuch. Aber die Kirche hat den 25. Dezember als Geburtstag erfunden bzw. einen Feiertag römischer Götzendiener umfunktioniert, Maria aufgrund der unbiblischen Trinitätslehre zur Muttergottes und Himmelskönigin gekürt, aus Astrologen „heilige drei Könige" werden lassen und so das Volk für dumm verkauft. Und das ist ein wirkliches Übel.

Mit freundlichem Gruß
Gerhard Wagner, Isny

 

Die beiden Interviewpartner und Professoren Waldemar Grosch und Herbert Rommel sind um eine Antwort auf den Leserbrief von Gerhard Wagner gebeten worden.

Herr Wagner argumentiert sehr engagiert, fällt dabei aber einem Zirkelschluss zum Opfer. Ein Beispiel: die Annahme einer (von der Forschung schon längst verworfenen) zweiten Amtszeit des Quirinius wird nur nötig, wenn man nicht ertragen will, dass der Evangelist Lukas die nur römische Bürger betreffende reichsweite Volkszählung von 8 v. Chr. mit dem Provinzialcensus des Quirinius 6 n. Chr. verwechselt haben könnte. Lukas schreibt aber wahrscheinlich 80 bis 90 Jahre nach der Geburt Jesu auf, was ihm überliefert wurde - ohne Recherchen in den für ihn ohnehin unzugänglichen römischen Archiven durchgeführt zu haben. Ähnlich verhält es sich mit dem „Stern von Bethlehem": es gibt keine außerbiblischen Quellen, die ein solches astronomisches Ereignis eindeutig belegen - deshalb sucht man seit Jahrhunderten nach einer passenden Erscheinung und findet viele, die in Frage kommen könnten und dann wiederum zur Umdatierung der Geburt Jesu dienen sollen ...
Die Bibel ist kein Märchenbuch, aber ein Geschichtsbuch ist sie eben auch nicht, was ihre Bedeutung in keiner Weise schmälert. Die Evangelisten beabsichtigen nicht, das Leben Jesu in einem biographischen Faktenbericht wiederzugeben. Ihnen geht es vielmehr um den Glauben an diesen Jesus, um die Befreiungschancen und um die Hoffnungen, die durch sein Auftreten in die Welt gekommen sind. Die Wahrheit der Bibel hängt von der Wahrheit des Evangeliums ab und nicht von kosmologischen Sternkonstellationen oder von Volkszählungen in Betlehem.