Rupert Leser - zur Fotogalerie

Fotograf des Monats – Rupert Leser

Rupert Leser ist tot. Der renommierte Fotoreporter starb nach kurzer Krankheit am 10. August in seiner Heimatstadt Bad Waldsee. Er wurde 83 Jahre alt.

Noch wenige Wochen vor seinem Tod saß Rupert Leser mit seiner Frau Marieluise und ehemaligen Arbeitskollegen im „Grünen Baum“ zu Bad Waldsee zusammen. Der regelmäßige Kontakt zu seinen früheren Weggefährten war ihm wichtig, und so ließ er – wenn es seine Zeit erlaubte – kaum eines der monatlichen Treffen aus. Treue und Bodenständigkeit und die Liebe zu seiner Heimatstadt Bad Waldsee und zu Oberschwaben zeichneten ihn aus, neben vielen weiteren Attributen, die sein Wirken als Mensch und Bildberichter - wie er sich selbst nannte – so unvergleichlich machten.

Rupert Leser wurde oft als „das Auge Oberschwabens“ bezeichnet. Treffend, und doch zu kurz gegriffen. Oberschwaben war zwar seine Heimat, aber Leser war in der Welt zu Hause, bei Olympischen Spielen zwischen Los Angeles und Moskau, bei epochalen Ereignissen wie dem Fall der Mauer in Berlin, bei Naturkatastrophen wie dem Erdbeben 1980 in der süditalienischen Provinz Avellino oder dem Valpola-Bergsturz im oberen Veltlin im Jahre 1987. An die 800 000 Aufnahmen dokumentieren sein reiches Schaffen, tausendfach veröffentlicht in der Schwäbischen Zeitung, in auflagenstarken Magazinen und in zahlreichen Bildbänden sowie gezeigt in mehreren Ausstellungen.

Es dürfte ziemlich einmalig sein, dass einem Fotoamateur ohne jegliche fachliche Ausbildung eine solche Karriere gelingen konnte. Der Werdegang des leidenschaftlichen Jungturners, der Schriftsetzer beim Bad Waldseer Verlag Liebel lernte, später auf der Höheren Grafischen Fachschule in Stuttgart den Meister machte und nebenbei für die Publikation des Schwäbischen Turnerbundes Bilder schoss, nahm plötzlich eine unvorhergesehene Richtung, als ihm 1961 bei der Gymnaestrada ein Foto einer tanzenden Mädchengruppe gelang, das wenig später auf Seite 1 einer Stuttgarter Zeitung erschien. Dies Ereignis wurde auch in Leutkirch, dem damaligen Erscheinungsort der Schwäbischen Zeitung, aufmerksam registriert. Von 1962 an war Rupert Leser, damals 28 Jahre alt, der erste Bildberichter des Blattes.

Der Sport ist Lesers Leidenschaft während seiner langen Berufslaufbahn geblieben. Zwölf Olympische Spiele hat er mitgemacht, zigmal Preise des Verbandes der Deutschen Sportpresse gewonnen, darunter mehrmals das Sportbild des Jahres, und Magazine wie der „Stern“ schmückten mit Leser-Fotos ihre Titelseiten.

Die Tagesaktualität hat der Fotograf darüber nicht vergessen. Die thematische Vielfalt, mit der er die Welt bis hinein ins heimatliche Gäu gezeichnet hat, ist frappierend. Rupert Leser spürte nicht der Sensation nach – das wäre wider seine ethische Haltung gewesen. Er handelte vielmehr nach der Maxime: „Ich will nicht, dass etwas passiert, aber wenn etwas passiert, dann will ich es haben“. Meist hat er es bekommen: Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, sitzend vor der US-Atomrakentenbasis Mutlangen 1983, die Menschenkette über die Alb als Protest gegen die Nato-Nachrüstung, im selben Jahr den Sturz einer französischen Mirage in eine Häuserzeile in Biberach, den Absturz des 100. Starfighters der Bundeswehr oder die historische Seegfrörne. Kurz: Es gab beinahe nichts, was als Lücke in einem halben Jahrhundert Zeitgeschichte geblieben wäre.

Seine ruhige Art und seine Diskretion bei der Arbeit haben Rupert Leser Türen geöffnet. Er fand den Zugang zu Ernst Jünger in seinem Heim im Forsthaus zu Wilflingen ebenso wie zu Martin Walser am Bodensee und durfte auch bei der Gruppe 47 in der Saulgauer Kleber Post in die Kulissen schauen. Er war verbunden mit bildenden Künstlern wie HAP Grieshaber, Sepp Mahler oder Jakob Bräckle, und er hat auch das gläubige Oberschwaben in all seinen Facetten abgebildet. Das Vertrauen in Rupert Leser nutzte letztlich auch dem Direktor des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Bad Schussenried: Leser wies mit schockierenden Bildern auf die skandalösen Zustände bei der Unterbringung psychisch Kranker hinter uralten Klostermauern hin und löste damit ein landespolitisches Erdbeben aus. Plötzlich flossen lange verweigerte Finanzmittel in die Verbesserung der Psychiatrien Baden-Württembergs.

Rupert Leser hätte seine Karriere bei einem Hochglanzmagazin in Hamburg abrunden können. Doch ein entsprechendes Angebot schlug er aus. Er blieb seinem Heimatort treu und engagierte sich ehrenamtlich. Fast 20 Jahre war er für die CDU im Gemeinderat von Bad Waldsee und arbeitete mit Herzblut am Erhalt des historischen Stadtbildes. Nahezu zehn Jahre leitete er als Vorsitzender den Museums- und Heimatverein. Seine Verdienste um die Region und sein Schaffen als Bildberichter fanden ihre Würdigung in der Bürgermedaille seiner Heimatstadt, im Kulturpreis der Städte Ravensburg und Weingarten, der Heimatmedaille Baden-Württemberg sowie dem Oberschwäbischen Kunstpreis.

Sein reiches Bildarchiv hat Rupert Leser dem Schwäbischen Verlag angeboten, für den er 36 Jahre arbeitete. Doch der zeigte ihm die kalte Schulter. Zugegriffen hat stattdessen das Haus der Geschichte in Stuttgart und sich damit einen Schatz gesichert, von dem es noch lange zehren wird.


 

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